Pia Piaggio spielt

Von wegen Sommerloch. Im Second Life® zumindest ist davon nicht wenig zu spüren. Hochkarätige Institutionen wie das Goethe Institut nutzen die Saison für einen heißen Start in die virtuelle Präsenz. Und vergangene Woche machte sich eine weitere sehr traditionsreiche Organisation auf ins Grid. Kurz nach dem 2. Weltkrieg hatte es sich der Österreicher Hermann Gmeiner zur Aufgabe gemacht, den vielen Kindern, die ihre Familie für Höheres verloren hatten, zu helfen. Seine Idee war es, die Kleinen in einer familienähnlichen Gemeinschaft aufwachsen zu lassen. Er gründete das Haus „Frieden“ in Tirol und verwirklichte damit seine Vision. Betreut von Pflegeeltern lebten dort die ersten hilfsbedürftigen Kinder unter einem Dach mit Geselligkeit, Fürsorge, Pflege und Liebe.

1963 gab es schon 20 dieser SOS-Kinderdörfer, wie man sie nannte, weil sie teilweise aus mehreren Häusern bestanden. Europa war so langsam zurück in sein Gleichgewicht gependelt und man konnte seinen Blick wieder auf Brennpunkte in der Ferne richten. Die Armut der (damals noch so bezeichneten) 3.Welt-Länder wurde zum Thema, dem sich besonders Hermann Gmeiner annahm. Er gründete einen Fonds und weitete seine Aktivitäten auf alle 5 Kontinente aus. Heute gibt es in 132 Ländern insgesamt an die 500 SOS-Kinderdörfer, sowie 1.450 soziale Zusatzeinrichtungen wie Schulen, Ausbildungszentren, Krankenhäuser und so fort. Dabei sind diese Einrichtungen unpolitisch und überkonfessionell, was sicher eine wichtige Basis ist, um weltweite Hilfe überhaupt leisten zu können. Hermann Gmeiner verstarb im Jahre 1986. Sein hinterlassenes Werk jedoch entwickelt sich weiter, ja, betritt nun sogar die Dritte Dimension.


Inseltour

„Aber was wollen die SOS denn da?“, fragt Pia. Sie hatte mir ausnahmsweise mal sehr interessiert zugehört und scheint sich so ihre avatarischen Gedanken dazu zu machen. „Ich meine, im Grid gibt es so was doch gar nicht; Krieg, Katastrophen, Hunger, Krankheiten, Elend und was du da noch so erzählt hast. Da muss kein Gmeiner helfen kommen“, erklärt sie ihren Standpunkt.

Wohl wahr. Aber vielleicht hat Pia Piaggio noch nicht ganz geschnallt, WIE das ganz Ding sich schlussendlich schaukelt; wo also diese enormen Geldsummen herkommen, die diese Hilfe überhaupt möglich machen. „Spenden? Das heißt, ich gebe denen Geld, damit die so ein Kinderdorf bauen können?“ Ganz genau, clevere Pia. Und nicht nur Häuser bauen die damit, sondern sie unterhalten damit auch noch diesen gigantischen Hilfsapparat, starten Sonderaktionen oder leisten Katastrophenhilfe. Da kommt Eins zum Anderen .

„Ja“, konstatiert Pia, „das hört sich ganz schön aufwendig an, wenn die sich gleich für so Vieles engagieren.“ Exakt. Darum braucht es auch viele kleine und einige große Spenden, für die zum Beispiel Angelina Jolie mit ihrem Brad oder Henning Mankell sorgen. Brandaktuell engagiert sich ebenfalls das Modeunternehmen ESPRIT in großem Masse.


Cornelis Chapman

Zur Eröffnung der Insel der Glücklichen Kindheit am 5.August 2008 wird eine betreute Inselführung angeboten.


Ballonfahrt

Cornelis Chapman begrüßt Pia und gibt ihr eine Notecard zur Eröffnungsfeier. „Es gibt eine Ballonfahrt…..“, überfliegt sie die Infos, „……und Kekse…..”. Noch ehe sie weiterlesen kann, kommt ein Ballon herangeschwebt und wispert: „Einsteigen, liebe Pia.“ Sie zögert nicht lange und toucht sich in die Gondel.


Kindheit

Gleich darauf hebt sie der knallbunte Ballon in die Lüfte und schwebt gekonnt durch die Baumlandschaft am Ufer.


Momente

„Das sieht aus wie ein Rummelplatz“, jauchzt sie mit geröteten Wangen vor Aufregung. Der Ballon windet sich weiter in die Höhe. „Lass mich mal aufstehen, damit ich mich über die Brüstung hinaus lehnen kann“, verlangt sie von mir. Aber beim Aufstehen fällt sie aus der Gondel hinunter auf den Rasen und landet genau vor einem Doppelplakat.


Puppenhaus

„Die wollen hier glückliche Momente aus der Kindheit sammeln“, murmelt sie, während sie den Text studiert. „Man soll dazu etwas bauen.“ Sie schaut sich um.


Pia spielt

Die eine oder andere Kindheitserinnerung ist schon realisiert. Ein Puppenhaus zum Beispiel, wohl der Traum eines jeden Kinderzimmers. „Was macht man damit?“, will Pia wissen. Spielen natürlich, denn darum geht es schließlich in der Kindheit. Das macht nicht nur glücklich, sondern auch schlau, denn bessere Lernerfolge lassen sich in keinem anderen Zustand erreichen. „Na dann mal los“, meint Pia Piaggio.


Schneemann

Eine Zeit lang widmet sie sich mit Hingabe dem Sandburgenbau. Es gefällt ihr, den kühlen, leicht rauen Sand zwischen ihren Fingern zu spüren; ihn zu formen, zu drücken und – ganz zuletzt – zu glätten, bis kein Höckerchen mehr heraussteht. Dabei summt sie vor sich hin und
scheint völlig in sich versunken. Ich lasse ihr Zeit für dieses Vergnügen; schleiche mich in die Küche und kippe einen halben Liter eiskalte Apfelsaftschorle in mich hinein.


Karussellfahrt

Erfrischt setze ich mich wieder vor den Bildschirm. Pia ist nun fertig mit ihrem Sandkastenspiel. Sie klopft sich ihre Jeans sauber und tippelt einige Meter weiter. „Wie süß“, entfährt es ihr beim Anblick dieser Gestalten. Einen Schneemann würde sie auch gerne mal bauen, versteht aber nicht recht, wie das funktionieren soll. Ich auch nicht. Ich kann das nur mit realem Schnee. Also zockelt Pia weiter.


Schaukel

Das Karussell liegt ihr nicht ganz so. Auf dem schmalen Pferderücken fühlt sie sich unsicher und überhaupt findet sie das ein wenig langweilig, wie sie mir zuruft.


Swingen

Okay, Pia, dann versuchen wir es doch mal mit dieser postmodernen Schaukel. „Ein edles Design“, findet sie und toucht sich auf den Sitz.


Swingen

Nach einigen ersten sanften Schwüngen schlägt das Ding plötzlich aus wie ein Geigerzähler in der Nähe eines Atomkraftwerkes.


Alles verdreht

Oben wird zu unten, rechts zu links und Pia johlt vor Freude. „Fantastisch, Stephy, echt wahr!“, ruft sie mir zu. Ich jedoch muss mich vom Bildschirm abwenden, sonst wird mir noch schlecht. Nach einer Weile beruhigt sich die Schaukel und steht wieder still. Schwankend entsteigt Pia der Gondel und kichert noch immer vor sich hin. „Geile Kiste“, umschreibt sie dieses Spielzeug, das offenbar nicht nur Kindern Spaß macht.


Musik machen

Aber ganz besonders begeistert Pia natürlich das Trommel-Set. „Super Beats“ holt sie da raus. „Die würde ich am liebsten mit in den Malatu Club nehmen.“Ach Pia, dich hat es wirklich erwischt.


Kind

Einen Fan hat sie jedenfalls schon gefunden. Jeroentje Bekker lauscht Pias Trommelwirbel andächtig. Seine viel zu großen Turnschuhe hindern ihn allerdings an einem kleinen Tänzchen dazu.


Baumhaus

Einige Schritte weiter fordert ein Plakat zum Bauen von Baumhäusern auf. Die dafür speziell geprimten Bäume schwanken noch hausleer in der leichten Brise des nachmittäglichen Gridwetters. „Schade, hat noch keiner ein Baumhaus gebaut“, bemerkt Pia leicht enttäuscht. Zu gerne wäre sie in ein solches hinaufgekraxelt.


Bonbons

Über all diese Spielerei hat Pia Hunger bekommen. Sie nimmt sich einige Kekse und bedient sich an dem Bonbonautomaten.


Bücher

Mit vollgestopften Backen schlendert sie an den Infotischen entlang. Dort werden die hauseigenen Bücher präsentiert, die man dann über die Internetseite kaufen kann. „Schöne Projekte machen die“, nuschelt Pia mit der Bonbonmasse im Mund.


House of Peace

Das werden wir uns jetzt mal genauer ansehen. Ich steuere Pia ins „House of Peace“, das Herzstück der Insel der Glücklichen Kindheit.


SOS Projekte

In dem gemütlichen und geräumigen Blockhaus wird über die Arbeit der SOS-Kinderdörfer berichtet. Zahlreiche Plakatwände informieren zu den einzelnen Projekten. Generell im Angebot sind Patenschaften für Einzelprojekte, für ein Dorf oder sogar für ein Kind. Mit einem monatlichen Beitrag ab 15 Euro im Monat kann man dort Hilfe leisten, wo sie wirklich gebraucht wird. Und ein Feedback dafür gibt es auch. Regelmäßig wird man über die Fortschritte des Geförderten informiert.


Lachhilfe

„Sind 15 Euro viel Geld für euch Menschen?“, will Pia wissen. Tja, das ist relativ. Hier in Europa eigentlich nicht. Der Betrag entspricht einem Kinobesuch oder 3 Päckchen Zigaretten oder einem Dinner for One in der Pizzeria ums Eck oder dem Benzin für circa 150 Kilometer Fahrstrecke. „Damit können die Kinder dann aber nicht viel anfangen“, schlussfolgert Pia. Aber falsch, ganz falsch. Da, wo das Geld hingeht, entspricht es fast einem ganzen Monatslohn. Pia Piaggio staunt. „ Solche Unterschiede gibt es in eurer realen Welt? Das ist ja ganz schön krass“, findet sie und hat damit ja ach so sehr recht.


Chat

Im ersten Stock haben es sich einige Besucher in den Sesseln bequem gemacht. Vor dem Hintergrund lachender Kinder im Gras chattet man im Diskussionstenor.


Frances und Walt

Pia pflanzt sich neben Frances Dawner und Walt Faulds, zwei eng mit dieser Sim verwobenen Residents. Das Thema der Runde ist – grob gefasst – Sinn oder Unsinn einer Präsenz im Second Life. Insgesamt ist man der Meinung, es könne auf gar keinen Fall schaden, auf diesem Wege über die Arbeit des Herman-Gmeiner-Fonds zu informieren. Und überdies sei das Konzept dieser Sim ja nicht unattraktiv: Wer möchte, kann seiner Fantasie hier freien Lauf lassen beim Bauen von Objekten, die zu einer glücklichen Kindheit verhelfen. Natürlich erhofft man sich regen Andrang von Buildern aus dem gesamten Grid.


Gästebuch

„Aber geht es nicht ebenfalls um Spenden?“, flüstert Pia mir verwirrt zu. Ja, auch. Der Eintrag ins Gästebuch ist mit einer Linden$-Gabe gekoppelt. Als das Fenster für den Betrag aufgeht, überlegt Pia einen Moment lang. „20 Lindens, wie viel ist das denn bei euch da draußen?“, will sie wissen. Knapp 5 Cent. „Das ist ja gar nichts“, findet sie. Aber immer mal langsam. Wenn jeder Resident auch nur einen Linden überweist, dann sind das X Millionen von Lindens für die SOS-Kinderdörfer. Genau so funktioniert das eben mit den Fonds – sie wachsen am Kleinvieh, das weiß doch jeder.

Also, Pia, mach jetzt deine Spende, denn jeden Moment schmiert die Verbindung ab. Es ist kurz nach fünf, die Siesta ist gelaufen und gleich gehen die zahlreichen Urlauber wieder ran an ihre Handys und Laptops. Und auf der abgelegenen Finca kommt dann kaum noch ein Funksignal an. „Okay, ich spende meinen ganzen Wochenlohn“, beschließt sie dann. „Das ist mir so ein glückliches Kindergesicht allemal wert.“ Prima Pia. Hätte ich auch getan.

Trackbacks

  1. [...] dem aktuellen Artikel über das SOS-Kinderdorf-Projekt in Second Life von Stephanie Posselt könnt Ihr den Einsatz der Galerie auf Avameo sehen. Als Demo [...]

  2. [...] public links >> musikmachen Pia Piaggio spielt Saved by fallsoff on Thu 25-9-2008 Mal wieder Musik machen Saved by ericsnels on Tue 23-9-2008 [...]

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