Bei einem meiner letzten Führungen durch SL ist eine Frage aufgekommen, die seit langem ein Dreh- und Angelpunkt im Komplex der virtuellen Realität ist.
“Kann man in virtuelllen Welten qualitativ genauso viel lernen, wie in der realen Welt?”
Beim Nachforschen dieser Frage, bin ich auf eine Sendung von ARTE sciences auf Youtube gestoßen, die schon im Dezember 2008 veröffentlicht wurde, und die ich hier gerne in die Diskussion mit einfließen lassen möchte.
Der Film besteht aus vier Teilen, setzt sich dabei erst ein Mal mit der Frage auseinander, was überhaupt “real” ist. Die präzise Unterscheidung zwischen “real” und “virtuell” ist Voraussetzung, um die Qualität beider Welten vergleichen zu können.
In der Therapie von Phantomschmerzen wird schon seit Langem das Phänomen angewendet, dass die optische Information als etwas “reales” vom Hirn interpretiert wird, auch wenn das “Bewusstsein weiß”, dass es sich um eine Illusion handelt.
In 2010 werde ich mich mal nach den Erfahrungen der Virtual ability Isle erkundigen.
Eine Aussage meiner Rundgangteilnehmer zur Küchenbrandsimulation war:”Durch echte Schmerzen lernt man intensiver, als durch virtuelle.”
Mit den Fragen nach “echten Schmerzen” beschäftigt sich der zweite Teil:
In welchen Zussammenhang stehen also Hirn und Körper?
Der dritte Teil setzt sich nun konkret mit virtuellen Welten auseinander. Der Mainzer Neurophilosoph Thomas Metzinger stellt die These auf, dass alles, was über unsere Sinnesorgane an unser Hirn herangetragen wird, von diesem mit Erinnerungen und Erfahrungen verglichen, und dementsprechend Interpretiert wird. Somit wäre unsere direkte Umgebung schon eine virtuelle Welt, da ihr Abbild in unserem Kopf das Produkt einer unterbewussten Interpretation ist.
Um eine computergenerierte, virtuelle Welt als “real” zu empfinden, ist ein aktives Handeln in dieser Welt erforderlich, so die Wissenschafler des Max-Planck Instituts für Kybernethik. Dem Hirn scheint es dabei egal zu sein, ob die Reize, die es entgegen nimmt, nun computergeneriert sind, oder unserer physischen Umgebung entspringen.
Diese Aussage wird von Prof. Dr. Lutz Jäncke vom Institut für Neuropsychologie in Zürich bewiesen. Die Hirnaktivitäten beim Erfahren virtueller Welten sind identisch mit denen, beim Erfahren unserer direkten Umgebung. Das Hirn hält die virtuelle Realität für real!
Hochinteressant finde ich die medizinische Aussage über das Kontrollverhalten unseres Hirnes im Kindesalter. Der Teil des Hirnes, der die unbewusst aufkommenden Wünsche und Gefühle kontrolliert, der dorsale Frontalkortex, ist teilweise erst mit dem 20. Lebensjahr voll ausgereift und “diensttauglich”.Erst ab diesem Zeitpunkt, so Jäncke, können wir, seitens der Anatomie, unsere Gefühle kontrollieren.
“Kinder sind, entwicklungsbedingt, virtuellen Welten quasi schutzlos ausgesetzt.”, so eine Aussage im Film.
“Virtuelle Welten” werden hierbei in einem Atemzug mit Videospielen, Fernsehen und Internet genannt. Ich frage mich, was denn mit der virtuellen Welt unserer physischen Umgebung ist?
Oder ist es hier so klar, dass Kinder schutzlos sind, dass es nicht erwähnt werden muss?
Für mich bedeutet das, dass ich für mich die Aussage von oben abändere in: “In technisch generierten virtuellen Welten brauchen Kinder in Ihrer Entwicklung die selbe Zuwendung, die sie in ihrer realen Umgebung brauchen.” In meiner Kindheit galt es als sinnvolle erzieherische Maßnahme, dass sich Eltern und Kind, nach dem konsumieren eines Fernsehfilms, gemeinsam über den Inhalt ausgetauscht haben.
Und wäre aus dieser Sicht die Frage des lieben Ehepartners “Na, Schatz, wie war Dein Tag?” nicht die Aufforderung zur Aufarbeitung der Erfahrungen in einer virtuellen Welt?
Überall scheint es also schon Lösungen zu geben, sich mit seinen Erlebnissen auseinander zu setzen. Deshalb sind, meiner Meinung nach, virtuelle Welten und Computerspiele nur deshalb “böse”, weil es noch nicht gelungen ist, die existierenden Lösungen auf diese neuen Welten zu übertragen.
Der letzte Teil der Sendung zeigt neben der Auswirkung von Meditation, Erfahrungen mit Kommunikation in dreidimensionalen virtuellen Räumen.
Interessant ist, dass ich hier eine Bestätigung meiner persönlichen Erfahrungen bekommen habe. Nichts ist schlimmer, als vor einer Gruppe emotionsloser Pixelhaufen einen Vortrag zu halten.
In einem Gespräch mit einer Französin in SL ist mir eine sehr nette Geste aufgefallen. Während meines Erzählens gab sie mir Feedback über den Textchat mit dem kurzen Ausdruck *nods* (engl= nickt). Ich wusste, sie stimmt mir zu, und konnte weitererzählen. Ein solches Feedback könnte sich als Teil der 3D Etiquette entwickeln, solange unsere Avatare noch körpersprachliche Analphabeten sind.






Mir fällt dazu spontan Heinz von Foerster ein: “Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners”- Gespräche für Skeptiker.
Empfehlung =)
Hallo!
… ich persönlich kenne da einige Aspekte des Gesagten unter dem Stichwort “Spiegelneuronen”. Ich habe das Gefühl “getippselten” Chat zu hören. Wenn ich eine Zeitlang “herumstehe” in Second Life -und mir dessen bewußt bin- habe ich das Bedürfnis mich zu setzen- das lange Stehen ist für einen alten Avatar auf die Dauer schon etwas anstrengend …! Wenn ich im Inspire Space Park, mitten im Weltall zu passender Musik Tai Chi mache- “springt” ganz deutlich etwas nach RL über, etc., etc. !
Ansonsten verorte ich mich ohnehin in Richtung des Radikalen Konstruktivismus, G. Berkeley, et al.
Aber eine spannende Diskussion mit vielen Facetten ist dies auf jeden Fall.
MfG
BukTom Bloch
Wie sagte schon ChuangChe:
Der Avatartraum des taoistischen SL-Philosophen ChuangChe stellt die
Grenzen zwischen der virtuellen Wirklichkeit und der Welt des Realen in Frage:
“Heute habe ich geträumt, ich sei ein First Live- Bewohner im realen Leben. Woher weiß ich jetzt, ob ich ein Avatar bin, der glaubt,
geträumt zu haben, ein First Live- Bewohner zu sein, oder ob ich nicht vielleicht doch ein First Live- Bewohner bin, der jetzt träumt, ein Avatar zu sein?”
:-)
@Alex: Das Buch ist auch Eines meiner Favouriten. Ich kann es ebenfalls jedem empfehlen. Wer noch ein Schritt auf dem Erkentnisspfad der Selbsterfahrung gehen möchte den empfehle ich dazu noch “Die Veränderung des subjektiven Erlebens” von Richard Bandler.
Hi Tom,
ich finde es interessant, wie sehr die Erfahrung das Wissen übertrumpft.
Bis jetzt konnte ich die Themen des Films bezüglich Immersion gut nachvollziehen. Heute bei den Dreharbeiten in SL ist es mir passiert, dass ich mich “wirklich” wunderte, dass die Deko-Kerzen nach drei Stunden noch nicht ein kleines Bisschen runtergebrannt sind. Der Gedanke war so spontan, wie ein Schreck, aber verbunden mit einem positiven Gefühl. (So ein “Ach! Das ist ja toll!”-Moment) Er hielt an, bis mir ganz kurz danach wieder bewusst wurde, dass sich virtuelle Gegenstände nicht abnutzen….
Kurze Zeit später ertappte ich mich bei dem Gedanken, ich könne ja die Bananen in der Deko-Schale mal mit der braunen Seite nach unten legen… das sieht ja nicht aus!
Damit werde ich mich heute noch mal in Ruhe auseinander setzen, aber ich glaube, meine Kopfwelt ist heute wieder ein Stückchen größer geworden…
Hallo,
… ja, Kerzen- auch so etwas!
Stelle zuhause einmal eine Kerze auf, auf einem Holztisch. Verlasse eine Zeitlang danach für mutmaßlich längere Zeit Deine Wohnung (nicht tp, sondern zu Fuß) …!
…
Und jetzt könnte ich wahrsagen, woran Du beim Weggehen zumindest kurz denkst …!
:-)))
Ihr filmt in SL ? Sehr interessant. Wenn man irgendwie mittun kann- bitte immer gern melden.
MfG
BukTom Bloch
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http://www.avameo.de/index.php/2007/05/30/immersion-und-der-konstruktivismus/
und natürlich
http://www.avameo.de/index.php/2008/12/05/what-the-bleep-do-we-know/
schön tobi dass du das video jetzt bei youtube gefunden hast =)
Klasse Artikel. Ich bin auch begeistert von den Videos! Danke!
Es gibt einige interessante Videos zum Thema Gehirnplastizität, die perfekt zu Euren Videos und dem Thema passen!
Hallo zusammen,
sorry mal wieder für die verspätete Antwort :-S
@Buk Tom Na,ja.. hast das video sicher gesehen ;-)
@Eric danke für den Hinweis mit dem Video… jetzt hab ich wieder was zu gucken :-)