Vergangene Woche erinnerten die Feierlichkeiten des St. Patrick Days, der ebenfalls virtuell hinreichend zelebriert wurde, an die traditionsreiche Geschichte Irlands. Seit 2007 gibt es im Second Life™ die Location West of Ireland (WOI), die aus mehreren Sims besteht. Betrieben wird sie von der South Texas Celtic Music Association (STCMA), einem gemeinnützigen Verein, der ebenfalls von Linden Lab als Non-Profit-Organisation anerkannt ist.
„Hey cool, das wirkt irgendwie recht nett hier“, freut sich Pia Piaggio und verschafft sich anhand der Wegweiser einen ersten Überblick. „‘Ne Shoppingzone gibt es hier. Und eine Galerie, eine Bibliothek, wo Storytellers auftreten, und ein Neart – keine Ahnung, was das ist.“ Neart, das ist kein Objekt, sondern ein Ort, wie ich mir auf der Homepage anlesen konnte. Dort gehen wir allerdings erst ganz am Ende hin; so als kleines Bonbönchen zum Abschluss.
„Okay“, meint Pia, „dann lass uns doch mal mit Shoppen anfangen. Sieht ja recht einladend aus, die Einkaufsmeile“, frohlockt sie. Ja, angeblich soll es hier sehr ausgewählte Artikel geben.
Zur Verfügung stehen dazu einerseits Ladenlokale, andererseits kleine Standkarren, auf denen das Angebot ausgestellt wird. Zur entsprechenden Location gelangt man dann über die Landmarke in der Notecard. „Schöne Marketing Lösung“, bemerkt Pia und schlendert über das Kopfsteinpflaster.
Tatsächlich sind die Läden und Lädchen mit lauter erlesener Primware gefüllt.
A Touch of Ireland zum Beispiel offeriert feinste Tuchwaren im echt irischen Look. „Suuuper“, säuselt Pia, „ das hier ist ein St. Patricks-Kleid. Ist ja wirklich maaaaagisch-frech.“
Interessantes bietet auch Scout-It an. Mit dieser virtuellen Reiseagentur kann man Ausflüge zu verschiedenen Themen wie Bildung, Kunst oder Tauchen unternehmen. Sie dauern allesamt eine halbe Stunde, beinhalten einen Führer und kosten zwischen 200 und 400 L$. „Meld‘ mich da mal in der Gruppe an“, trägt Pia mir auf. „Dann bleibe ich auf dem laufenden, denn so eine Tour will ich auf jeden Fall mal mitmachen“, kündigt sie an.
Auch am Angebot liebevoll kreierter Ausstattung mangelt es in West of Ireland nicht. Ob Gridwetterhahn oder Simton-Töpferscheibe, wer seinem privaten Ambiente den ultimativen ländlichen Touch verschaffen will, wird hier garantiert fündig.
Und schließlich stöbert Pia Piaggio sogar noch eine echte Rarität auf. In einem winzigen Ladenlokal zeigt Undershaw Publishing das Buch von übermorgen.
Es handelt sich um edelste virtuelle Bücher in allerfeinster Aufmachung. „Imaging Our Future – Daily Life in the Year 2000“, liest Pia einen Titel vor. „Hört sich vielversprechend an.” Sie blättert eine Weile darin herum, liest ein wenig quer. Dann dränge ich sie zur Eile, denn es gibt noch eine Menge zu sehen.
Zum Beispiel den Nancy Blake’s Pub, in dem regelmäßige Musikveranstaltungen stattfinden.
Das Ambiente des Pubs ist urig, ganz so, wie man sich einen irischen Pub vorstellt. Natürlich gibt es auch ein Dartspiel und einige Bilder auf der Website von WOI belegen, dass es hier teilweise ausgesprochen gesellig zugeht.
Das kulturelle Herzstück stellt jedoch die Bibliothek und das Kulturzentrum dar.
In Ausstellungen und Lesungen soll dort die irische Kultur verbreitet werden und zum Treffpunkt aller daran Interessierten werden. „Die scheinen so etwas wie eine feste Autorenstaffel zu haben“, mutmaßt Pia und damit liegt sie ganz richtig. Dazu gehören etliche Autoren, die ein kontinuierliches Programm an Lesungen sicher stellen.
Das Storytelling findet im Vorlesebereich der offen gestalteten Bibliothek mit Meerblick statt. „Zauberhafte Lesebühne“, findet Pia.
In sich hat es auch die Ausstellung zum Thema Whisky.
In einer Slideshow, die Pia selber steuern kann, wird der Prozess der Whiskyherstellung erklärt.
Bild und Text gehen dabei nicht nur eine sinnvolle sondern auch eine schön gestaltete Verbindung ein.
„Auf diese Weise wird eine informative und absolut platzsparende Ausstellung realisiert“, begeistert sich Pia und nimmt mir damit die Worte vorweg.
Eine wuchtige Steintreppe führt ins Untergeschoss, wo sich das Kulturzentrum ausbreitet.
Eine Slideshow an der Wand informiert detailliert über die keltische Symbolik.
Foto- und Kartenmaterial bringt die irische Geografie und kulturelle Werte nahe.
Noch in Entwicklung ist ein interaktives Laptop, das den Zugang zu noch mehr irischer Kultur erleichtern soll. Übrigens kann man an jenem virtuellen Laptop den Monitor wie ein Triptychon aufklappen, sodass drei separate Bildschirmflächen entstehen – eine Innovation, die es wert wäre, sie im RL zu entwickeln ;-)
Die wahren Ausmaße des virtuellen Irlands vermittelt eine Übersichtskarte. „Meine Güte“, seufzt Pia, „hier gibt es ja noch eine ganze Menge zu sehen.“
Ja. Unter anderem könnten wir durch das interaktive Labyrinth irren. Gleichzeitig würden wir dabei den Wirr- und Irrnissen der irischen Geschichte begegnen.
Oder wir könnten die West Of Ireland Gallery besichtigen.
Jedoch schicke ich Pia ins Grüne in Richtung Küste nach Neart.
„Hier ist ja wohl überhaupt nichts los“, motzt sie in der kargen felsigen Landschaft. Damit liegt sie allerdings völlig falsch.
Denn in der Region Neart befindet sich das Bundoran Reef, ein Paradies für Surfer und Kiter. Ich musste mich erst im Web 2.0 versichern, ob Irland tatsächlich als ein solches Paradies gilt. Vermutet hätte ich das nicht, aber dank meiner virtuellen Aktivitäten bin ich jetzt wieder ein wenig schlauer.
Ein Surfbrett zum Testen dieses Wassersportvergnügens steht gratis zur Verfügung.
Pia paddelt mutig auf die hohen Wellen zu.
Dann jagt sie den Wellentunnel entlang, als hätte sie nie etwas anderes getan. Perfekt balanciert sie ihr Shape auf dem Surfbrett aus.
Recht elegant, aber völlig falsch gekleidet, lässt sie sich von der Welle zurück an den Strand jagen.
„Irre!“, jauchzt sie. „Das probiere ich direkt nochmal!“ Und schon stürzt sie sich wieder in den Gridatlantik, der unaufhörlich an die Küste West of Irelands brandet.





