Im Hinblick auf Wert und Nutzen einer virtuellen Welt wie Second Life gibt es nach wie vor viel zu entdecken. Die nach dem ersten Hype totgesagte Welt von Linden Lab existiert weiter und entwickelt sich munter, wenn auch fernab der Massenmedien. Wobei erst kürzlich bei ARD tagesschau.de mal wieder ein Artikel über das Second Life erschien, nachdem seit August 2007 konsequente Funkstille zu diesem Thema herrschte. Die Korrespondentin Claudia Sarre mit Sitz in New York kommt am Ende ihres aktuellen Beitrags zu dem Fazit: „Wer sich als Avatar im dreidimensionalen Web zurechtfindet, dem eröffnet der virtuelle Raum eine Vielfalt an Möglichkeiten.“
Die Avatarin clubkenjin Loon ist ein gutes Beispiel dafür, wie diese angesprochenen Möglichkeiten eingesetzt werden können. Über ihre reale Person ist nichts Eindeutiges zu erfahren, ihr Profil lässt jedoch die Vermutung zu, es handelt sich um eine junge Japanerin. Sie betreibt seit einigen Jahren eine eigene Sim mit dem Namen Japan Dream Kenjin – ein kleines Stück Japan mitten im Gridozean. Anlässlich der dreifachen Katastrophe -Erdbeben, Tsunami und Fukushima- in ihrem Heimatland hat sie aktuell das Projekt NEVER GIVE UP JAPAN ins Leben gerufen. Das Konzept trägt ganz klar eine künstlerische Handschrift, die über das traditionelle Spendensammeln hinaus geht. Anbei bemerkt hat Linden Lab höchstselbst eine Hilfsaktion gestartet, bei der einen Monat lang spezielle Linden Bears verkauft wurden, deren Erlös (8,3 Millionen L$) an das Amerikanische Rote Kreuz zwecks Hilfe für die Opfer in Japan gespendet wurde. Große Ereignisse im RL spiegeln sich in der Regel immer in Second Life wieder. Die Frage ist nur wie.
Im Falle von clubkenjin Loon geht es nicht um finanzielle Unterstützung, sondern um moralische. Der Projektname ist in seiner Zweideutigkeit klasse gewählt: Weder sollen die Japaner aufgeben, gegen diese akute Krise anzukämpfen, noch sollen wir Japan vergessen, wie es zum Beispiel im Falle von Haiti geschehen ist. Und ihre Idee war es, eine überdimensionale Pinwand zu installieren, auf der Avatare ihre Anteilnahme bekunden können. Das funktioniert ganz einfach, indem eine Textur hochgeladen wird. Diese kann eine Message sein, ein Foto oder auch einfach nur das Konterfei desjenigen Avatars.
Innerhalb kürzester Zeit hat sich die gesamte Pinwand lückenlos gefüllt. Übrigens ist sie so groß geworden, dass man die Kamera auf mindestens 270 Meter Abstand einstellen muss, um sie sehen zu können. Entstanden ist ein, wenn auch virtuell persönliches, Monument, das den Betroffenen in Japan helfen soll, ihre verhängnisvolle Situation zu durchstehen. Statt der traditionellen anonymen Geldspende wird hier persönlicher Beistand geleistet beziehungsweise demonstriert.
Die Botschaften sind vielfältig. So zum Beispiel: “My heart is with each and every one of you. love and blessints”, oder “Have courage Japan”, oder auch “we are with you”. Neben dem Ausdruck von Solidarität finden sich auch Worte, die Mut machen sollen: „You are in my heart and my Prayers Japan. From the Darkness will always come light and your country will shine again.”
Teilweise sind die Bilder selbst Träger einer klaren Botschaft. Wie hier abgebildet, wo sich die Nationalflaggen von Japan und den USA in Hoffnung und Freundschaft kreuzen und verbinden.
Die Botschaften kommen aus der ganzen Welt. So zum Beispiel diese aus Griechenland: „my best wishes from greece!!be strong!!“. Oder diese aus dem spanischsprachigen Raum: „Fuerza Japon!!!“ Zum Übermitteln dieser Botschaften steht extra ein Schreibtisch bereit, der bei Anklicken alle notwendigen Optionen zur Verfügung stellt. Er ist dekoriert mit den wohl wichtigsten Symbolen in einer solch schwierigen Situation: mit einem Lichtlein, einer Gießkanne und einer Blühpflanze.
Und dort treffe ich auch endlich Pia Piaggio, die erstmals in einem Streifzug noch gar nicht ihren Mund aufgemacht hat. Was ist denn nur los? „Ich denke nach“, murmelt sie geistesabwesend. „Ich überlege, welche Botschaft ich den Menschen in Japan übermitteln kann.“ Ja nun, dann schreib doch einfach was Aufmunterndes oder Tröstliches. „Das ist leichter gesagt als getan. Ich will hier ja keine Plattitüde abliefern. Zumal da nachher ein Film draus gemacht wird.“ Das stimmt. Denn die kreative clubkenjin Loon beschäftigt sich ebenfalls mit Machinima. Ihren ersten Trailer hat sie bereits veröffentlicht. Er kündigt den Film Girls in the Sky an und ist eindeutig dem Genre Steampunk zuzuordnen.
Gespannt bin ich nun darauf, wie sie die zahlreichen Botschaften in ein Machinima einbringt und was aus ihrem Projekt NEVER GIVE UP JAPAN noch entsteht. Eine interessante und innovative Umsetzung von Hilfsbreitschaft ist diese Initiative schon jetzt. Und vielleicht wird daraus sogar noch ein anrührender Film.
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