Wenn auch momentan viele wirklich brisante Fragen die EU betreffen, erlaube ich mir dennoch eine weitere hinzuzufügen: Macht es Sinn, eine wie auch immer geartete Repräsentanz der EU im Second Life zu unterhalten? Die Antwort lautet, nach vielen Recherchen, nein. Denn die EU, die ja auch schon im RL bekannt ist für ihre sonderbaren Wege, geht auch in diesem Fall einen eigenmächtigen Schritt. Für knapp 300.000 € entwickelt man gleich eine eigene virtuelle Welt mit dem Namen „Citzalia“. Gelauncht werden sollte sie bereits Ende 2010, aber wie vieles aus der Brüsseler Schmiede, steckt sie noch immer in den Bauarbeiten. Ist vielleicht auch gut so, denn ein Blick auf die Website verdeutlicht rasch, welch naives Umfeld uns EU-Bürgern darin zugemutet werden soll. Fast so wie im wahren Leben – als ob wir eine Doppelung bräuchten. Da hat Jon Worth mit seinen Gedanken im August vergangenen Jahres schon völlig recht gehabt.
Und dennoch konnte ich ein Projekt der EU im Second Life ausfindig machen. Es gehört zur Sparte des Life Long Learning Programme und nennt sich sehr passend AVATAR. Aber auch hier ist ein sonderbar verschlungener Weg der Namensschöpfung zu bemerken, denn das Kürzel entwickelt sich wie folgt: Added Value of teAching in a virTuAl woRld. Einfach klasse und total logisch, oder? Nun ja, jetzt habe ich genügend Pulver verschossen und will das garstig sein im Weiteren wenn überhaupt der Pia überlassen. Die soll mal schauen, was AVATAR so zu bieten hat.
Als Landepunkt ist der sogenannte nördliche HUD vorgesehen. Dort präsentieren sich die Bildungseinrichtungs-Partner im inneren Kreis. Eine Kurzanleitung für den Einstieg in Second Life gibt es in mehreren Sprachen. Auch einige Locations werden in Form einer Science oder Culture Tour angeboten. „Ansonsten scheint dieser kleine Tempel hier im Nichts zu stehen“, bemerkt Pia mit einem Rundblick. Sie schaut auf eine endlose Wiese, braunfleckig an manchen Stellen und bis auf vier verlassene Steinbauten völlig leer.
Erst bei den überdachten Steinwänden ganz am Ende der riesigen Wiese entdeckt Pia einige Plakate, die auf E-Learning Tools wie zum Beispiel Twiddla aufmerksam machen. Und erst hinter diesen griechisch inspirierten Säulengangwänden gibt es wirklich etwas zu sehen. Dort beginnt der Sandkastenbereich – ein Ort, wo auch Nicht-EU-Abgeordnete aktiv werden dürfen.
„Dort breitet sich eine bunt gefüllte Region aus, die im krassen Gegensatz zu der überdimensionalen Leerfläche steht“, meint Pia ein wenig nachdenklich. Kleine, von einem einheitsgrauen Lattenzaun markierte Felder, stehen für die einzelnen Projekte zur Verfügung.
Zielsetzung von AVATAR ist es, virtuelles Lernen zu entdecken und zu ermöglichen. Wie hier zum Beispiel, wo das Foto einer Arbeit von Grundschülern abgebildet wird. „Und welchen Sinn hat das für virtuelles Lernen?“, hakt Pia unangenehmerweise nach, denn darauf habe ich leider keine Antwort.
Vielleicht sollten wir zuerst einmal die Infobroschüre von British Council, wie diese Sim heißt, durchlesen.
Im Comic-Stil erklärt Graham, die Fremdenführerin, die Insel. Pia blättert eine Weile darin herum und meint dann: „Es gibt hier eine Menge zu entdecken. Wir müssen nur genau hinschauen.“
Okay, da vorn liegt auch tatsächlich brandaktuelles Infomaterial für alle, die außerhalb der politischen Debatte etwas über Atomkraft lernen möchten.
„Ich finde es ganz erstaunlich, dass ein so nett wirkendes Molekül dermaßen gefährlich werden kann“, sagt Pia mit Blick auf die rachenrote Kugelformation, die von einem einzigen blauen Proton umkreist wird.
Gleich gegenüber befindet sich ein deutscher Beitrag zum Projekt AVATAR. Es ist eine Initiative für vermisste Kinder.
Unter dem Motto „Deutschland findet Euch“ wird das Konzept in die Welt getragen. Gearbeitet wird mit allen Medien, die das Internet zur Verfügung stellt. Die Nutzung vom Social Web mit seinen Zugpferden Facebook, Twitter und YouTube ist dabei selbstverständlich.
Gratis gibt es eine Kinderschutzfibel, die zahlreiche Tipps gibt, wie Kinder sich vor dem Verschwinden bewahren können. Pia blättert das Buch ein wenig betreten durch. „Schrecklich, wenn so ein liebes Kind einfach verschwindet“, flüstert sie nach der letzten Seite.
Erfreulicher ist dagegen der Media Screen, der die Ereignisse und Beiträge des VWBPE zusammenfasst. Ein Hinweis auf diesen Kongress darf sicher nicht fehlen in einer Region, die sich mit lebenslangem Lernen befasst.
Ansonsten frage ich mich immer wieder, ob hier das Lernen in virtuellen Welten oder das Erlernen virtueller Welten vermittelt werden soll. Hinsichtlich einer klaren Konzeption könnte durchaus nachgearbeitet werden. „Aber vielleicht wollen die ja gar keine klare Konzeption, sondern eine Art Potpourri“, mutmaßt Pia. EU-typisch wäre das ja durchaus.
Lernen ist halt ein weit gefasster Begriff. Immerhin engagieren sich hier diverse Lehrkräfte aus verschiedenen europäischen Ländern. So zum Beispiel auch der dänische Lehrer Jens Olsen aka Jens Nerido, der Pia gerade in ein Gespräch verwickelt und ihr ein paar Video-Links rüberschiebt. So bleibt als Resümee dieser mit EU-Mitteln geförderten Initiative: Es kommt immer darauf an, was alle Beteiligten daraus machen.
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