„Meine Güte, hier ist ja alles tod!“, ruft Pia Piaggio voller Entsetzen, als sie auf LEA6 landet. Sie steht mitten in einer Wüste. Kein Wasser, kein Leben. Jedenfalls keines, das wahrzunehmen wäre.
Der körnige Sand knirscht unter ihren Füssen, als sie sich dem von zwei Sphinxen gehaltenen Pfeil nähert, der zum Eingang des einzigen Bauwerks in dieser Ödnis weist.
„Sieht ein bisschen aus wie ein Computerterminal mit Bildschirm und Tastatur“, murmelt sie. „Soll ich da etwa reingehen?“, fragt sie nun lauter mit einem Seitenblick auf die Sphinx. Diese jedoch reagieren nicht, denn es sind Bots ohne den Hauch eines virtuellen Lebens.
Sie durchquert eine mit Holzpodesten zugestellte Halle, die in einem schmalen Gang endet. Jeder ihrer Schritte hallt dumpf auf dem Bretterboden wieder. Trockene Hitze treibt ihr den Schweiß auf die Stirn.
In dem Gang ist es noch ein wenig stickiger. Dennoch liest Pia interessiert die Texte, durch die sie auf wundersame Weise hindurchschreitet.
„Aha, die Bots wollen also ihr Leben retten und dazu müssen sie die Menschen rehydrieren“, mutmaßt sie. „Aber ob man irdische Menschen mit simuliertem Wasser wieder zum Leben erwecken kann, stelle ich in Frage.“
Dass ihre Zweifel durchaus angebracht sind, liest sie, nachdem sie um die nächste Ecke gebogen ist. Optimal scheint diese Vorgehensweise jedenfalls nicht zu sein – weitere Lösungen werden gesucht.
„Also gut, ich werde mal sehen, ob ich helfen kann bei den Trankopfern, diesen Second Libations, die die hier veranstalten“, beschließt sie und lässt sich den Anweisungen entsprechend fallen.
So landet sie mitten in einer skurrilen Gesellschaft, die sich auf einer Art Schiffsdeck zusammengefunden hat.
Ein Froschmann starrt sie unverwandt an, als würde er ihr eindringlich etwas sagen wollen. Doch bleibt er so stumm, wie ein Bot nur sein kann.
Sie wendet sich dem Steg zu, der von dem Schiffsdeck herunter führt. Dabei muss sie ein Spalier merkwürdiger Wesen abschreiten, die weder Menschen, noch Tiere, noch Avatare verkörpern. „Geburten einer ziemlich schrägen Fantasie“, denkt sie anerkennend, denn etwas Ähnliches hat sie bisher noch nicht zu Gesicht bekommen.
Sie gelangt in eine Art offenes Treppenhaus, wo ihr eines dieser Wesen ein entsprechendes Unterkleid für die bevorstehende Mission anbietet.
Pia zögert keine Sekunde und schon steht sie in einem schlicht geschnittenen Overall da, den ein magisch wirkendes Muster ziert.
Auf jeder Etage bekommt sie ein weiteres Stück des Second-Libation-Outfits angeboten……..
…….bis sie schließlich voll eingekleidet mit Cape, Helm und vierstöckigem Regenschirm ausstaffiert ist. Erst jetzt reizt es sie, einen Blick über die Balustrade zu werfen.
Der Blick nach unten macht sie schwindeln. „Weia, offenbar befinde ich mich in einem Körper, den ich langsam herabschreite“, staunt sie.
Behutsam hält dieser leicht desolate Torso ein Stück Wasser in den Händen, als wolle er es einem Bedürftigen darbieten. Jedoch scheint dies die Dehydrierung nicht aufzuhalten.
Dieses Wasser fließt nicht, es ist nicht nass, es macht kein Geräusch – es ist eine reine Simulation, das erkennt Pia sofort.
Zu wenig vorsichtig schreitet sie die schwindelerregend hohe Wendeltreppe hinunter, die jedoch ganz plötzlich endet.
Mit wehendem Cape stürzt Pia in die Tiefe, genau in eine Art Brunnenschacht, dessen Mechanik allerdings jeglicher Funktionalität beraubt ist.
Sie findet sich in einer Unterwasserlandschaft wieder. Ihr Schirm wirkt ein wenig absurd umgeben von dem simulierten Nass.
Allerlei Wesen besiedeln den Gridmeeresboden und sogar Spiegel gibt es dort. „Wau, das ist wirklich voll eindrucksvoll!“, ruft Pia begeistert aus.
Gespensterhaft wirkenden Figurinen mühen sich mit Wasserbottichen ab, die am Ende keinen Zweck erfüllen werden.
Dabei bleibt nur noch sehr wenig Zeit, bis der Schnee auf dem Bildschirm aufhört zu flimmern und ein reines, totes Schwarz alles ist, was bleiben wird. „Das wäre echt schade“, denkt Pia und fühlt sich mächtig angespornt, dies auf jeden Fall zu verhindern.
Ihr Blick fällt auf eine breite Treppe, die aus dem falschen Wasser an die Oberfläche zu führen scheint.
Und tatsächlich gelangt sie an das Ufer einer flimmernden Insel.
„Sieht aus wie ein Tempel“, flüstert sie beeindruckt. In der Tat handelt es sich um den Tempel der Bots, in dem die Trankopfer zelebriert werden.
Pia hat die Wahl zwischen drei Pforten. Die eine führt ins Banquet of the Artists, die nächste ins Librarynth und die letzte schließlich in den Scripters’ Web Tower. „Wo soll ich nur zuerst hingehen?“, überlegt sie fieberhaft.
Sie entschließt sich für das Künstlerbankett. Schließlich sind Künstler bekannt für ihre enorme Kreativität und vielleicht, so hofft sie, findet sie dort eine Lösung für das Dilemma.
Aber Künstler sind mithin auch ganz schön strange und die Maßnahmen zur Rehydrierung erscheinen Pia insgesamt ein wenig fragwürdig.
„Kein Wunder, dass die Menschen nicht wiederbelebt werden. Das kann so einfach nicht klappen“, denkt sie und ihre Verzweiflung steigt.
Mit eiligen Schritten wendet sie sich dem Librarynth zu. Etliche Türme, prall gefüllt mit Büchern, Worten, Weisheiten, sind umspült von den simulierten Wassermassen.
Schreibtische kreisen in ruhigen Pirouetten über einem der vielen Wasserträger, dessen Tröge jedoch kein lebendiges Nass enthalten.
Weiter hinten erkennt Pia eine Art Bühne, die noch im Trockenen liegt, umfriedet von Säulen, die nichts tragen.
Pia steuert direkt auf den Bot zu, der wohl als Lehrer die Szenerie beherrscht. „Na endlich“, seufzt sie erleichtert. „Hier scheinen bereits einige Vorschläge zu Papier gebracht worden zu sein!“
Und richtig, auf diversen Schriftstücken finden sich Ideen, wie den Menschen respektive den Bots geholfen werden kann. Von einem mehrseitigen Text……….
……. über eine in Gedichtform verfasste Kurzanleitung…..
…….. und eine Comic -/ Storybookvariante ……..
……. bis hin zu einem bebilderten Leitfaden ist alles vorhanden.
„Okay“, meint Pia Piaggio, „dann gebe ich jetzt mal meinen Senf dazu.“ Sie überlegt. Und überlegt.
Plötzlich kommt ihr der Geistesblitz. Mit vor Aufregung ganz zittrigen Händen taucht sie die Feder ins Tintenfass und mit einem schaudererregenden Kratzen bringt sie die ersten Worte zu Papier:
„Es muss der Turm der Vernetzungen und Verstrickungen gefunden werden. Dort herrscht Magirius, der Wasserfürst, und sorgt dafür, dass jeder Tropfen des ganz realen Wassers zu einer Simulation wird.
Er hält seine Träger in Spinnennetzen gefangen, denen sie niemals entkommen können. Bewacht werden diese von den Cyberspys, extrem gefährlichen Wesen mit einem unverwundbaren Körper, so hart wie Kruppstahl.
Aber letztendlich geht es Magirius nicht um die Träger, sondern allein um seine Macht über Aquado, den einzigen Bot, der das Wasser wieder lebendig machen könnte.
Ihn jedoch hält er in einem Kerker des Turms gefangen und bewacht ihn gemeinsam mit seinen unfreiwilligen Helfershelfern.
Aquado trägt die Lotuswasserlilie bei sich, ja, er ist sogar mit ihr verwachsen. Erst wenn er diese der Wassergöttin darbringt, wird das Wasser wieder lebendig und die Menschen erstehen wieder auf, um ihre Computer mit Energie und Leben zu füttern, das die Bots so sehr benötigen.“ Bei den letzten Worten beginnt plötzlich alles zu beben. So schnell sie kann flüchtet Pia aus dem Librarynth.
Offenbar ist es einem der Wasserträger gelungen, einen flüchtigen Schatten entkommen zu lassen, der Pia zuruft: „Ich eile und werde Aquado befreien!“ Einen Moment lang wird alles schwarz.
Aber noch ehe Pia Piaggio sich versieht, strahlt warmes Licht auf und ein Rauschen und Plätschern breitet sich aus wie Wasser, das wieder fließen kann. „Na prima“, seufzt sie erleichtert, „dann ist ja alles wieder in Ordnung, alles wieder beim Alten, alles im Fluss.“
Landmarke LEA6 / Second Libations (bis 31. Dezember 2011)
Website Projekt LEA (Linden Endowment for the Arts)
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